3DDruckbefundRatgeberRechner

Flexible Verbundfilamente: Härte und Faserfüllung gemeinsam bewerten

09.10.2026

Flexible Verbundfilamente lassen sich nicht mit einer Shore-Zahl allein beurteilen. Härte, Faseranteil, Bauteilgeometrie und Druckbedingungen gehören zusammen. Dieser Vergleichsleitfaden zeigt, welche Angaben aus Datenblättern Orientierung bieten und wie sich Proben fair gegenüberstellen lassen.

Härte ist der Startpunkt, nicht das Endurteil

Bei flexiblen Filamenten ist Shore-Härte ein nützlicher erster Filter, aber keine vollständige Beschreibung des Bauteilverhaltens. Prusa nennt für TPU häufig 60A bis 90A ([Prusa: Flexible Materialien](https://help.prusa3d.com/article/flexible-materials_2057?product=mk3-9s)). Ein niedrigerer A-Wert deutet auf einen weicheren Werkstoff, sagt aber nicht allein, wie weit sich ein konkreter Steg oder eine Manschette unter Last durchbiegt. Auch weitere Kennwerte beschreiben andere Eigenschaften: UltiMaker führt für sein TPU 95A eine Härte von 95 Shore A und bis zu 560 Prozent Bruchdehnung an ([UltiMaker: TPU-95A-Datenblatt](https://um-support-files.ultimaker.com/materials/2.85mm/tds/TPU-95A/TDS-TPU95A-V2.01-250915.pdf)). Härte und Dehnung sind nicht austauschbar. Für die Bauteilauswahl zählt, welche davon zur Funktion passt: Nachgiebigkeit, Rückstellung, Ausdehnung bis zum Bruch oder Widerstand gegen lokale Eindrückung.

Faseranteil zusammen mit Materialwerten bewerten

Ein flexibles Verbundfilament ist nicht einfach ein weiches TPU, dem man pauschal „mehr Festigkeit“ zuschreiben kann. Spectrum beschreibt S-Flex Carbon mit 20 Prozent Kohlefaseranteil und einer Härte von Shore A 90 ([Spectrum: technisches Datenblatt S-Flex Carbon](https://spectrumfilaments.com/wp-content/uploads/2024/02/en_tds_spectrum_sflex_carbon.pdf)). Die sinnvolle Frage lautet nicht nur „Wie viel Faser?“, sondern auch: Welche Kennwerte liegen für die verstärkte Mischung vor, mit welchem Prüfverfahren und an welcher Probe? Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen Filamentdaten und gedrucktem Teil. Herstellerkennwerte sind nicht automatisch eine Garantie für einen FDM-Druck, dessen Ergebnis von Orientierung, Geometrie und Verarbeitung abhängt. Spectrum weist ausdrücklich auf den Einfluss der Druckbedingungen auf tatsächliche Werte hin. Ein Faseranteil allein verrät außerdem nicht, wie Fasern im Bauteil angeordnet sind. Lesen Sie deshalb die Erläuterungen im Datenblatt und behandeln Sie „carbonverstärkt“ nicht als ausreichend genaue Leistungsangabe.

Ein fairer Probenvergleich in der Praxis

Für einen flexiblen Kabelhalter, eine Griffmanschette oder einen stoßmindernden Puffer lässt sich die Auswahl praktisch strukturieren: 1. **Funktion festlegen:** Soll das Teil leicht eindrückbar sein, wiederholt biegen oder einen Stoß aufnehmen? Notieren Sie Belastungsrichtung, Einsatztemperatur und Kontaktmedien. 2. **Datenblätter nebeneinanderlegen:** Erfassen Sie Shore-Skala, Faseranteil, Zug- oder Elastizitätsmodul, Dehnung, Prüfstandard und Probenart. Vergleichen Sie nur Werte, deren Prüfkontext nachvollziehbar ist. 3. **Druckbarkeit einplanen:** Prusa merkt an, dass weichere Filamente schwieriger zu drucken sein können. Ein Material, das auf dem Papier ideal erscheint, muss deshalb auch mit dem eigenen Zuführsystem zuverlässig laufen. 4. **Identische Proben drucken:** Gleiche Geometrie, Wandzahl, Orientierung und Einstellungen erlauben einen aussagekräftigeren Vergleich als zwei unterschiedlich aufgebaute Teile. 5. **Eine wiederholbare Last anlegen:** Vergleichen Sie Durchbiegung am selben Messpunkt, Rückstellung nach Entlastung und sichtbare Veränderungen nach wiederholtem Biegen. Das ist ein Anwendungstest für den eigenen Prototyp, keine normierte Werkstoffprüfung. Eine dünne Lasche kann sich angenehm flexibel verhalten, während eine dicke Manschette aus demselben Material deutlich steifer wirkt. Deshalb sollte die finale Entscheidung an der geplanten Form geprüft werden. Als Ergänzung kann ein einfaches Biegeteststück dienen, sofern seine Abmessungen dokumentiert und bei allen Kandidaten gleich sind.

Eine andere Stellschraube: Aufschäumen

Faserfüllung ist nicht der einzige Ansatz, um Gewicht und Haptik zu beeinflussen. Für varioShore TPU beschreibt colorFabb ein Aufschäumen, bei dem das Material bis zum 1,6-Fachen seines Volumens expandieren kann; ein Materialdurchfluss von 60 bis 70 Prozent wird als Option für leichtere Teile genannt ([colorFabb: varioShore-TPU-Datenblatt](https://colorfabb.com/media/datasheets/tds/colorfabb/TDS_E_ColorFabb_varioShore_TPU.pdf)). Das ist ein bestimmter Prozessansatz dieses Produkts und kein allgemeiner Effekt sämtlicher TPU-Filamente. Wenn geringes Gewicht oder eine weichere Oberfläche Priorität haben, kann Schäumen eine andere Stellschraube sein als Faserverstärkung. Die Werte für aufgeschäumte und nicht aufgeschäumte Proben dürfen aber nicht vermischt werden. Halten Sie deshalb Temperatur und Durchfluss bei jedem Probestück fest. So bleibt nachvollziehbar, ob eine Änderung aus Rezeptur, Geometrie oder Druckprozess stammt.

Grenzen und Entscheidung

Datenblätter unterschiedlicher Hersteller beruhen nicht zwangsläufig auf identischen Prüfverfahren und Proben. Eine veröffentlichte Zahl ist daher eine Orientierung für den beschriebenen Werkstoff und Prüfkontext, nicht automatisch die Prognose für jedes Druckteil. Bei sicherheitskritischen, dauerhaft belasteten oder regulierten Anwendungen reichen Materialmarketing und ein kurzer Biegeversuch nicht aus; dort sind passende Prüfverfahren und fachliche Auslegung erforderlich. Für frühe Prototypen ist die gemeinsame Betrachtung von Shore-Härte, Faseranteil, Bauteilgeometrie und Druckbedingungen dennoch ein gutes Auswahlgerüst. Eine Härtezahl hilft beim Vorsortieren. Die Entscheidung sollte anschließend über Datenblattkontext und identische Proben erfolgen – und schließlich am tatsächlichen Bauteil bestätigt werden.

Quellen

  1. Prusa Research
  2. Spectrum Filaments
  3. UltiMaker
  4. colorFabb