HIPS als Bauteilwerkstoff: Einsatz und Grenzen
09.10.2026
HIPS wird oft als lösliches Stützmaterial eingesetzt, kann laut Stratasys aber auch für niedrig beanspruchte Vorrichtungen, Prototypen und Konzeptmodelle interessant sein. Herstellerdaten zu Zugfestigkeit und Wärmeformbeständigkeit sind material- und prüfabhängig; außerdem spielen Druckorientierung und die Lösungsmittelverträglichkeit des Bauteils eine wichtige Rolle.
Vom Support zum eigenständigen Druckteil
HIPS ist vielen FDM-Anwendern vor allem als lösliches Stützmaterial bekannt. Das ist aber nicht seine einzige denkbare Rolle: Stratasys beschreibt FDM-HIPS als Filamentwerkstoff mit höherer Schlagzähigkeit als ABS und nennt niedrig bis moderat belastete Fertigungshilfen, Konzeptmodelle sowie Form-and-Fit-Prüfungen als Einsatzfelder ([Stratasys](https://www.stratasys.com/uk/materials/materials-catalog/fdm-materials/hips/)). Das ist eine Hersteller-Einordnung für ein bestimmtes FDM-Materialsystem, keine pauschale Freigabe für beliebige HIPS-Filamente oder sicherheitskritische Teile. Für die Bauteilfrage lautet der sinnvolle Perspektivwechsel deshalb nicht „Kann HIPS ABS überall ersetzen?“, sondern „Passt HIPS zu einem Teil mit begrenzter Last, kontrollierter Umgebung und überprüfbarer Funktion?“
Was der Werkstoffcharakter nahelegt
HIPS steht für High Impact Polystyrene; Prusa beschreibt es als Polystyrol mit Gummizusätzen. Die dortige Materialübersicht charakterisiert es im Vergleich zu ABS als leichter und deutlich weniger schrumpfend, während Stratasys für sein FDM-HIPS eine höhere Schlagzähigkeit als bei ABS angibt ([Prusa](https://help.prusa3d.com/article/hips_167118?product=mk3), [Stratasys](https://www.stratasys.com/uk/materials/materials-catalog/fdm-materials/hips/)). Das sind hilfreiche Hinweise für leichte Gehäuse, Abdeckungen oder Handhabungsteile, aber keine Garantie für eine bestimmte Festigkeit: Rezeptur, Drucker, Bauteilgeometrie und Druckeinstellungen unterscheiden sich. Auch „schlagzäh“ sollte nicht mit unzerbrechlich verwechselt werden.
Datenblattwerte richtig einordnen
Ein konkretes HIPS-Filamentdatenblatt von M.G. Chemicals nennt 27 N/mm² Zugfestigkeit nach ISO 527 und 78 °C Wärmeformbeständigkeit für ungetemperte Proben bei 1,8 N/mm². Das Blatt ist mit Januar 2016 datiert ([M.G. Chemicals, technisches Datenblatt](https://mgchemicals.com/downloads/tds/tds-3d-filament-hips.pdf)). Diese Kennwerte sind daher als Herstellerangaben zu genau diesem Produkt und Prüfverfahren zu lesen, nicht als allgemeine HIPS-Grenzwerte und erst recht nicht als zulässige Dauergebrauchstemperatur. Für eine Lehre nahe einer Wärmequelle oder ein Teil, das dauerhaft unter Last steht, braucht es eine passende Sicherheitsreserve und gegebenenfalls eigene Bauteilprüfung. Die Zahlen eignen sich zum Vorauswählen, nicht zum Ersetzen einer Auslegung.
Ein praktischer Auswahlfall
Angenommen, gebraucht wird eine einfache Montagehilfe, die Werkstücke positioniert, aber keine hohe Dauerlast trägt. HIPS kann als Kandidat in die Materialauswahl kommen, weil Stratasys niedrig bis moderat belastete Fertigungshilfen aufführt. Als nächster Schritt sollte die Funktion in konkrete Prüfpunkte übersetzt werden: Verformt sich die Lehre unter der tatsächlichen Klemmkraft? Bleibt sie maßhaltig im Einsatzumfeld? Hält eine gedruckte Schnappstelle die erwartete Zahl an Bedienzyklen? Die veröffentlichte Zugfestigkeit allein beantwortet diese Fragen nicht. Zusätzlich ist bei FDM die Orientierung relevant: Stratasys weist auf die Anisotropie gedruckter Teile hin ([Stratasys, Datenblatt](https://www.stratasys.com/siteassets/materials/materials-catalog/fdm-materials/validated-materials/hips/mds_fdm_hips_1022a.pdf?v=4aaafe)). Deshalb sollten Zug- oder Biegebelastungen entlang und quer zu den Schichten beim Entwurf bedacht und kritische Geometrien am realen Bauteil geprüft werden. Das ist eine praktische Ableitung aus den Quellen, kein veröffentlichter HIPS-Test.
Löslichkeit ist bei Bauteilen zugleich Nutzen und Risiko
Prusa nennt Limonen und Aceton als Lösungsmittel für HIPS und weist zugleich darauf hin, dass es nicht als lösliche Stütze für ABS- oder ASA-Drucke geeignet ist ([Prusa](https://help.prusa3d.com/article/hips_167118?product=mk3)). Für ein HIPS-Bauteil heißt das: Wenn es mit solchen Lösungsmitteln oder Reinigern in Berührung kommen könnte, ist die chemische Beständigkeit vor dem Einsatz zu klären. Die Eigenschaft, die beim Stützmaterial ein Vorteil ist, kann bei einem fertigen Gehäuse, einer Halterung oder einer Vorrichtung zum Ausfallrisiko werden. Auch Nachbearbeitung, Klebstoffe und Beschichtungen sollten auf Verträglichkeit geprüft werden, statt aus dem Werkstoffnamen auf Beständigkeit zu schließen.
Entscheidung in drei Schritten
Für einen ersten HIPS-Bauteilentscheid reichen drei Fragen: Erstens, ist die Funktion eher eine leichte Vorrichtung, ein Konzeptmodell oder eine Form-und-Passungsprüfung als ein hoch belastetes Funktionsteil? Zweitens, liegen Temperatur und Last mit ausreichendem Abstand zu den für das konkrete Filament dokumentierten Kennwerten? Drittens, lässt sich die Schichtorientierung so wählen, dass die kritische Kraft nicht ungünstig auf die Layerhaftung wirkt? Die Herstellerangaben machen HIPS damit zu einer ernst zu nehmenden Option jenseits des Supportmaterials, nicht zu einem universellen Konstruktionskunststoff. Wo Belastung, Wärme oder Chemikalien relevant sind, bleibt die Prüfung des gedruckten Bauteils entscheidend.