Resindaten vor und nach dem Nachhärten unterscheiden
09.10.2026
Materialdaten aus dem Resin-Datenblatt gelten für einen bestimmten Prüfzustand. Das Beispiel eines Rigid-3K-Harzes zeigt, wie Zugfestigkeit, Steifigkeit und Bruchdehnung nach dem Nachhärten auseinanderlaufen können – und warum Zahlen nur mit ihrem Prüfprotokoll sinnvoll vergleichbar sind.
Datenblattwerte sind Zustandswerte
Bei Photopolymerharzen ist eine Kennzahl nicht einfach „die Eigenschaft des Materials“. Sie gehört zu einem definierten Zustand des Prüfkörpers. Im Green-Zustand sind laut Formlabs manche Polymerbindungen noch nicht vollständig umgesetzt. Nachhärten mit zusätzlichem Licht und Wärme kann die Polymerstruktur verändern und etwa Festigkeit, Steifigkeit und Temperaturbeständigkeit verbessern. Ein Datenblattwert beschreibt daher immer auch, in welchem Zustand eine Probe gemessen wurde.
Ein Zahlenbeispiel: Rigid 3K
Die Werte für Raise3D Rigid 3K zeigen, warum man nicht nur auf eine einzelne Zahl schauen sollte. Der Hersteller nennt für die Zugfestigkeit 38 MPa im Green-Zustand und 78 MPa nach dem Nachhärten. Der Elastizitätsmodul steigt von 1766 auf 3263 MPa – das weist auf eine steifere Probe hin. Zugleich fällt die angegebene Bruchdehnung von 30 auf 14 Prozent. Das heißt nicht, dass „alles besser“ wird: höhere Festigkeit und Steifigkeit gehen in diesem Beispiel mit geringerer Dehnung bis zum Bruch einher. Übernehmen Sie diese Werte deshalb nicht als Garantie für ein beliebiges Harz, Gerät oder Bauteil.
Prüfzustand im Datenblatt zurückverfolgen
Lesen Sie neben der Tabelle die Fußnoten und Prüfmethoden. Notieren Sie mindestens Harzversion, Drucker und Druckeinstellungen, Wasch- und Trockenschritte, Nachhärtegerät sowie Zeit und Temperatur. Achten Sie darauf, ob Messwerte an standardisierten Prüfkörpern oder an einem realen Bauteil erhoben wurden. „Nachgehärtet“ allein ist kein vollständiges Prüfprotokoll. Wenn Angaben fehlen, sollte ein Vergleich als eingeschränkt gelten, nicht als direkter Materialvergleich.
Nachhärten ist material- und anwendungsabhängig
Es gibt keine universelle Nachhärtezeit, die sich von einem Resin auf alle anderen übertragen lässt. Asigas IFU beschreibt für SuperCAST HD einen Nutzen bei Festigkeit und Handhabung, erklärt aber zugleich, dass gut gewaschene Teile auch ohne Nachhärtung zufriedenstellend gegossen werden können. Raise3D empfiehlt bei seinem Rigid 3K dagegen Nachhärten, um die optimalen Eigenschaften zu erreichen. Diese Aussagen widersprechen sich nicht: Sie betreffen verschiedene Materialien und Anforderungen. Maßgeblich bleiben die aktuelle Gebrauchsanweisung und das konkrete Datenblatt des verwendeten Harzes.
Ein belastbarer Vergleich in der Praxis
Für einen Werkstoffvergleich wählen Sie zuerst die Kennzahl aus, die für den Einsatz zählt: etwa Zugfestigkeit, Steifigkeit, Bruchdehnung oder Wärmeformbeständigkeit. Vergleichen Sie dann nur Werte mit passendem Prüfzustand und derselben Prüfmethode. Wenn zwei Datenblätter unterschiedliche Nachhärtebedingungen nennen, kennzeichnen Sie den Vergleich als eingeschränkt, statt eine Rangfolge daraus abzuleiten. Für eigene Bauteile ist ein repräsentativer Versuch unter dem vorgesehenen Herstellungsprozess aussagekräftiger als das ungeprüfte Übertragen eines Herstellerwerts. Das ist eine praktische Empfehlung, keine Ersatzprüfung. Ein Vergleichsblatt kann pro Wert eine Zeile enthalten: Kennzahl samt Einheit, Prüfzustand, Prüfnorm, Druck- und Waschprozess, Nachhärteprofil sowie Quelle und Version des Datenblatts. So bleibt sichtbar, ob Abweichungen vom Material oder von veränderten Prüfbedingungen stammen.