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Wärmeformbeständigkeit und Glasübergangstemperatur unterscheiden

09.10.2026

Die Glasübergangstemperatur beschreibt einen Zustandswechsel im Polymer; HDT erfasst die Verformung unter einer festgelegten Biegebelastung. Ein PETG-Datenblatt zeigt, warum Last und Prüfverfahren beim Vergleich zählen.

Zwei Temperaturen, zwei verschiedene Fragen

Glasübergangstemperatur (Tg) und Wärmeformbeständigkeitstemperatur (HDT) werden beide in Grad Celsius angegeben. Trotzdem sind sie keine austauschbaren Angaben. Tg beschreibt den Temperaturbereich, in dem sich das Polymerverhalten von hart und steif zu flexibler verändert. HDT dagegen ist ein Prüfergebnis: Es bezeichnet, wann sich ein Prüfkörper unter Biegebelastung bei festgelegten Bedingungen verformt. Tg fragt also nach einem Werkstoffübergang; HDT danach, wie sich eine Probe in einem bestimmten Belastungstest verhält.

Was Tg für ein gedrucktes Bauteil bedeutet

Beim Glasübergang steigt die Beweglichkeit der Polymerketten; ein zuvor steifer Kunststoff wird nach und nach flexibler. Das ist kein scharfer Schalter, der ein Teil bei exakt einer Temperatur schlagartig unbrauchbar macht. In der Praxis ist Tg deshalb ein Warnhinweis für eine Änderung der Steifigkeit. Wird etwa ein dünnwandiges, belastetes Gehäuse längere Zeit warm, kann eine Temperatur nahe dem Übergangsbereich seine Formstabilität beeinträchtigen. Das ist eine praktische Folgerung aus der beschriebenen Änderung des Werkstoffzustands, keine Garantie für ein bestimmtes Bauteil.

Was HDT misst – und was nicht

Bei HDT wird eine Probe im Biegeversuch erwärmt, während sie belastet ist; ausgewertet wird die Temperatur, bei der eine definierte Durchbiegung erreicht wird. Der Wert hängt daher nicht allein vom Polymer ab, sondern auch von Prüfbedingungen und Belastung. ASTM D648 weist ausdrücklich darauf hin, dass die Ergebnisse nicht zur Bauteilauslegung oder zur Vorhersage der Dauerhaltbarkeit bei erhöhten Temperaturen gedacht sind. Die HDT ist folglich keine pauschale maximale Einsatztemperatur. Ein gedrucktes Teil kann sich wegen seiner Wandstärke, Orientierung, Geometrie, Last und Einsatzdauer anders verhalten als der standardisierte Prüfkörper.

PETG-Beispiel: Prüflast verändert den HDT-Wert

Polymaker nennt für sein PETG eine Tg von 71,24 °C (DSC, 10 °C/min). Für die HDT führt dasselbe Datenblatt 69 °C bei 0,45 MPa und 65 °C bei 1,8 MPa nach ISO 75 auf. Schon dieses Beispiel zeigt, dass eine HDT-Angabe ohne Prüflast unvollständig ist und nicht einfach mit Tg gleichgesetzt werden darf. Die Zahlen beschreiben das konkrete Datenblattmaterial und seine Prüfungen, nicht automatisch jedes PETG-Filament oder jedes daraus gedruckte Bauteil.

So lesen Sie Datenblätter sinnvoll

Vergleichen Sie zunächst gleichartige Angaben: Tg mit Tg und HDT mit HDT. Bei HDT gehören Prüfstandard und Belastung zum Wert; prüfen Sie deshalb, ob etwa 0,45 MPa oder 1,8 MPa angegeben sind. Für eine Bauteilentscheidung zählen zusätzlich die tatsächliche Dauer und Art der Belastung, die Bauteilgeometrie sowie die Fertigungsbedingungen. Wenn ein Teil bei Wärme sicher seine Funktion behalten muss, behandeln Sie HDT und Tg als Kennwerte zur Vorauswahl, nicht als Freigabe für einen Einsatz. Für kritische Anwendungen sind Prüfungen am realen Bauteil unter den vorgesehenen Bedingungen erforderlich.

Quellen

  1. ASTM International
  2. NETZSCH Analyzing & Testing
  3. Polymaker