Zugfestigkeit und Schlagzähigkeit im Filamentdatenblatt richtig lesen
09.10.2026
Ein Datenblatt liefert keine universelle Festigkeit des Filaments. Entscheidend sind Prüfart, Druckrichtung, Kerbung und Probenbedingungen – und ob die Kennzahl zum Bauteil passt.
Zwei Kennzahlen, zwei Belastungsarten
Zugfestigkeit beschreibt, welche Zugspannung ein Prüfkörper bis zur Streckgrenze oder bis zum Bruch erreicht. Im Datenblatt stehen diese Werte häufig getrennt: Ein Werkstoff kann sich zunächst bleibend verformen und erst später reißen. Die Schlagzähigkeit beantwortet eine andere Frage: Wie viel Schlagenergie nimmt eine definierte Probe auf, bevor sie bricht? Beide Kennzahlen sind deshalb nicht austauschbar. Ein hoher MPa-Wert ist kein Beleg für hohe Widerstandsfähigkeit gegen einen plötzlichen Stoß; ebenso sagt ein Charpy-Wert allein wenig über die zulässige Dauerlast. Suchen Sie die Kennzahl aus, die zu Ihrem Lastfall passt.
Prüfmethode und Einheit zuerst prüfen
Lesen Sie neben dem Zahlenwert immer die Prüfnorm, Probenart und Bedingungen. Zugwerte im UltiMaker-Datenblatt sind etwa mit ASTM D3039 und einer Prüfgeschwindigkeit von 5 mm/min ausgewiesen. Für Schlagwerte ist im Tough-PLA-Beispiel eine gekerbte Charpy-Prüfung nach ISO 179-1/1eB bei 23 °C angegeben. Die Zugspannung steht in MPa, die Schlagzähigkeit in kJ/m²: Schon die unterschiedlichen Einheiten zeigen, dass ein direkter Zahlenvergleich unsinnig ist. Bei Charpy ist außerdem „gekerbt“ nicht mit „ungekerbt“ gleichzusetzen; die Kerbe beeinflusst die Bruchstelle und damit das Ergebnis.
Ein Datenblatt-Beispiel einordnen
UltiMaker weist für Tough PLA eine gekerbte Charpy-Schlagzähigkeit von 8,9 ± 0,8 kJ/m² bei 23 °C aus. Polymaker nennt für PolyLite PLA 3,3 ± 0,2 kJ/m² für gekerbte Charpy-Proben in XY sowie eine Zugfestigkeit von 52,3 ± 0,3 MPa in XY. Diese Angaben geben eine erste Orientierung, aber keinen belastbaren allgemeinen Siegervergleich: Herstellerproben, Druckprofile und Prüfbedingungen können abweichen. Prüfen Sie in beiden Originaltabellen die vollständigen Normangaben und Probenherstellung, bevor Sie daraus eine Bauteilentscheidung ableiten.
Prüfkörper sind keine fertigen Funktionsteile
Die Herstellerangaben beschreiben definierte Prüfkörper, nicht Ihr konkretes Teil. UltiMaker nennt für Tough PLA beispielsweise 100 Prozent Infill und 0,15 mm Schichthöhe; Wandaufbau, Hohlräume, Geometrie und Ausrichtung eines realen Drucks können anders sein. Polymaker bezeichnet typische Werte ausdrücklich als Referenz- und Vergleichswerte und warnt, dass tatsächliche Werte unter Druckbedingungen deutlich abweichen können. Das Datenblatt ist daher ein Startpunkt zur Vorauswahl, keine zugesicherte Tragfähigkeit und kein Ersatz für einen passenden Bauteilnachweis.
Praktische Lesereihenfolge
Gehen Sie beim Lesen in dieser Reihenfolge vor: Erstens klären, ob der Wert Streckgrenze oder Bruch bezeichnet. Zweitens Verfahren, Einheit und bei Schlagwerten Kerbung notieren. Drittens Druckausrichtung und Probenbedingungen vergleichen. Viertens fragen, ob die reale Last eher langsam zieht oder stoßartig wirkt. Fehlt für die kritische Richtung ein Wert, ist das eine Datenlücke – nicht die Erlaubnis, den günstigsten Zahlenwert aus einer anderen Tabellenzeile zu übernehmen. Für sicherheitsrelevante Teile genügt ein Filamentvergleich allein nicht. Halten Sie bei einer Vorauswahl deshalb nicht nur den Wert, sondern auch Norm, Richtung und Probenzustand fest.